Gewalt in der Pflege: Wie Sie Konflikten vorbeugen können

Gewalt in der Pflege: Wie Sie Konflikten vorbeugen können

Häufiger als gedacht, kommt es zwischen Angehörigen und Pflegebedürftigen zu gewaltsamen Auseinandersetzungen im Pflegealltag. Gesprochen wird darüber jedoch selten. Dabei ist es ein ernstes Thema. Erfahren Sie mehr darüber, warum es zu Gewalt in der häuslichen Pflege kommt und was Sie tun können, um Konflikten vorzubeugen.

Eine ältere Frau weiß nicht mehr weiter und hält sich die Hände vor das Gesicht.
GettyImages/coldsnowstorm
Inhaltsverzeichnis
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    Die Pflege von Angehörigen ist zeitaufwendig und häufig körperlich und emotional sehr belastend. Dies kann zu Aggressionen führen, die in einigen Fällen auch in Gewalt münden. Betroffen von gewaltsamen Konflikten in der häuslichen Pflege sind sowohl pflegebedürftige Personen als auch pflegende Angehörige. Das zeigt auch eine Erhebung des Zentrums für Qualität in der Pflege (ZQP) aus 2018.

    Danach gaben fast die Hälfte (45 Prozent) der befragten Angehörigen an, psychische Gewalt wie Beleidigungen, Anschreien oder Einschüchterungen seitens der pflegebedürftigen Person erfahren zu haben, etwa jeder Zehnte war körperlicher Gewalt wie Schlagen, Kneifen oder Kratzen ausgesetzt.

    Aber auch pflegende Personen können Gewalt anwenden. So berichteten 40 Prozent der Befragten, innerhalb der zurückliegenden sechs Monate mindestens einmal mit Absicht gegenüber ihrem Pflegebedürftigen gewaltsam geworden zu sein, darunter körperliche Gewalt (12 Prozent), Vernachlässigung (11 Prozent) und freiheitsentziehende Maßnahmen (6 Prozent).

    Ursachen von Gewalt in der Pflege: Vielfältig und individuell

    Warum kommt es aber überhaupt zu solchen zwischenmenschlichen Eskalationen? Die Ursachen für Gewaltvorfälle sind vielfältig sowie individuell und reichen seitens der pflegenden Angehörigen von Nervosität, Anspannung, persönlichen Gewalterfahrungen, gesundheitlichen Einschränkungen und finanziellen Problemen bis hin zu Überforderung.

    Pflegebedürftige Menschen verhalten sich häufig aggressiv, weil sie sich hilflos fühlen, Angst haben, sich schämen, Schmerzen verspüren oder sich langweilen. Aber auch eine Erkrankung wie eine Demenz kann die Ursache für Gewalt sein: Betroffene sind oft nicht in der Lage, ihre Gefühle auszudrücken und reagieren sehr sensibel.

    Formen von Gewalt gegen Pflegebedürftige

    Gewalt gegen pflegebedürftige Menschen kann sich in unterschiedlichen Formen äußern: etwa körperlich, psychisch oder finanziell. Dazu zählen dem ZQP zufolge unter anderem:

    • Respektlosigkeit, die sich zeigt in Verhaltensweisen wie Schreien, Beschimpfen, Missachtung, Beleidigungen.
    • Absichtliches Vorenthalten von Hilfe und Vernachlässigung elementarer Bedürfnisse (nicht ausreichend helfen zum Beispiel beim Essen, der Körperpflege, beim Aufstehen oder Gehen).
    • Bevormundung: Damit es schnell geht, werden Pflegebedürftige etwa zum Essen gezwungen beziehungsweise gefüttert oder es werden ihnen zum Beispiel Inkontinenzhosen aufgedrängt, um nicht mit ihnen auf die Toilette gehen zu müssen.
    • Zufügen von Schmerzen beispielsweise durch harsches Anfassen, Waschen mit zu heißem oder zu kaltem Wasser, an den Haaren ziehen.
    • Einschränkung der Freiheit, indem zum Beispiel die benötigte Brille oder der benötigte Gehstock absichtlich nicht ausgehändigt oder weggenommen wird, nicht gewollte oder nicht verordnete Medikamente zur Ruhigstellung gereicht werden oder die pflegebedürftige Person eingeschlossen oder festgebunden wird.

    Instrumente gegen Gewalt: Barometer zur Selbstreflexion

    Vor allem Angehörige von Demenzerkrankten begegnen in ihrem Pflegealltag großen Herausforderungen. Nicht selten geht die einstige Beziehung zu einer vertrauten Person immer mehr verloren und die Beteiligten entfernen sich stets weiter voneinander. Das kann enormen Stress hervorrufen. Ein Forscherteam der TH Köln untersuchte deswegen im Projekt „Gelassen – nicht alleine lassen“ Vorgehensweisen, um Gewalt in der häuslichen Pflege zu vermeiden. Dazu nahmen die Wissenschaftler die Situation der Betroffenen im Hinblick auf ihre mentale Selbstregulation und (Nicht-)Gelassenheit unter die Lupe und entwickelten auf dieser Grundlage ein „Gelassenheits-Barometer“ als Selbsttest für Pflegende.

    Als erstes sei es aber ausschlaggebend, zu erkennen, dass es ein Problem gebe, betont Renate Kosuch, Professorin am Institut für Geschlechterstudien an der TH Köln, in einem Interview. „Darum haben wir ein ‚Gelassenheitsbarometer‘ als Instrument der Selbstreflexion entwickelt.“ Dieses basiere auf Gruppengesprächen zum Thema Gelassenheit mit 51 pflegenden Angehörigen und sei auf deren spezifische Situation zugeschnitten worden.

    Das Barometer beinhaltet 20 Fragen zur Selbstwahrnehmung der Angehörigen, zu ihrem Umgang mit den eigenen Gefühlen und Stimmungen sowie zum Verhalten in schwierigen Situationen. „Mit dem Instrument kann ermittelt werden, bei welchen Anlässen die Gemütsruhe verloren geht, und es ermöglicht Rückschlüsse darauf, wo Veränderungen notwendig sind oder Unterstützung in Anspruch genommen werden sollte“, erklärt Kosuch.

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    10 Tipps zur Prävention von Gewalt in der Pflege

    Um Gewaltvorfälle in der häuslichen Pflege zu vermeiden, braucht es eine feinfühlige Wahrnehmung. Zudem ist es förderlich, wenn alle Beteiligten erkennen, dass ein schwerer Konflikt vorliegt, der gelöst werden sollte. Eine Zauberformel gibt es dafür allerdings nicht. Es kann aber helfen, sich die folgenden Grundregeln, die das ZQP in seinem Ratgeber „Gewalt vorbeugen. Praxistipps für den Pflegealltag“ zusammengetragen hat, bewusst zu machen:

    1. Kennen und beachten Sie die Rechte pflegebedürftiger Menschen: Diese resultieren zum Beispiel aus dem Grundgesetz oder dem Sozialgesetzbuch. Auch die Charta der Rechte hilfe- und pflegebedürftiger Menschen veranschaulicht diese.

    2. Berücksichtigen Sie das Selbstbestimmungsrecht jedes Menschen.

    3. Fördern Sie Selbstständigkeit und Selbstvertrauen (Das heißt konkret: Helfen Sie Pflegebedürftigen dabei, etwas eigenständig zu erledigen oder dabei mitzuwirken, damit Fähigkeiten nicht verloren gehen).

    4. Vermitteln Sie Sicherheit mithilfe von Gewohnheiten, Ritualen oder Routinen (etwa beim Essen oder der Körperpflege).

    5. Vermeiden Sie Zeitdruck: Eine gute Zeiteinteilung und -planung kann dabei unterstützen, entspannt(er) durch den Alltag zu kommen.

    6. Schaffen Sie heitere Momente: Dies kann erreicht werden, indem Sie mit Ihrer Pflegebedürftigen oder Ihrem Pflegebedürftigen über gemeinsame Erlebnisse sprechen, sich ein Fotoalbum zusammen ansehen oder Sie sich einfach einmal umarmen.

    7. Lassen Sie Hilfe im Pflegealltag zu: Sie sollten sich nicht scheuen, rechtzeitig Unterstützung anzunehmen und sich zu entlasten.

    8. Verlieren Sie nicht die Beherrschung und behalten Sie die Kontrolle: Wütend zu sein, ist natürlich und kann vorkommen. Es ist aber enorm wichtig, seine Gefühle nicht zu verharmlosen und sich Rat und Hilfe zu holen.

    9. Ergründen Sie die Ursachen für aggressives Verhalten: Sind diese bekannt, fällt es häufig leichter, das Ausbrechen von Konflikten zu verhindern. Das erfordert vor allem im Umgang mit Demenzerkrankten viel Empathie und Geduld.

    10. Holen Sie sich Rat ein: Sie werden nicht allein gelassen! Ärztinnen und Ärzte oder Pflegefachpersonen stehen als mögliche Ansprechpartner beratend zur Seite. Zudem kann es wertvoll sein, sich mit anderen pflegenden Angehörigen über Erfahrungen auszutauschen. Im Akutfall können Sie sich auch an spezielle Hilfetelefone wenden.

    Wie Sie Konflikten vorbeugen

    Diese 10 Grundregeln sollen Sie dabei unterstützen, Gewaltvorfälle in der Pflege zu Hause zu vermeiden.

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    Bewusstsein für Auftreten von Gewalt in der Pflege schaffen

    Da die Zahl pflegebedürftiger Menschen hierzulande von aktuell rund 5 Millionen in den kommenden Jahren angesichts der zunehmenden Alterung der Gesellschaft weiter ansteigen wird – Berechnungen des Statistischen Bundesamtes (Destatis) gehen von etwa 5,6 Millionen im Jahr 2035 und circa 6,8 Millionen im Jahr 2055 aus – wird uns auch das Thema Gewalt in der Pflege weiter begleiten. Umso wichtiger ist es, ein Bewusstsein dafür in der Gesellschaft zu schaffen, offen darüber zu sprechen, Gefahrensituationen zu erkennen und sich Hilfe zu holen, um Konflikte gewaltfrei zu lösen.

    Notruftelefone: Hilfe in akuten Krisen

    Wenn Sie nicht weiterwissen, können Sie sich in akuten Krisen auch telefonisch an Fachleute wenden. Sie erreichen diese z. B. unter den folgenden Kontaktdaten:

    Pflegetelefon des Bundesfamilienministeriums

    Telefon: 030-20 17 91 31

    Pflege in Not Berlin

    Telefon: 030-69 59 89 89

    Handeln statt Misshandeln (HsM) – Frankfurter Initiative gegen Gewalt im Alter

    Telefon: 069-20 28 25 30

    Beschwerdetelefon Pflege Hamburg

    Telefon: 040-28 05 38 22

    Help-Line für pflegende Angehörige und ältere Menschen Bremen

    Telefon: 0421-98 99 52 80

    Eine Liste mit diesen und weiteren Notfallkontakten finden Sie auch im ZQP-Ratgeber „Gewalt vorbeugen. Praxistipps für den Pflegealltag“.

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